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Schlagwort: Verantwortung lernen

Familie & Erziehung – Hero im LML-Stil

Kinder ein Instrument lernen lassen: Was bei unseren sechs Kindern funktioniert hat

Der Geigenkasten stand seit Tagen unangetastet an der Garderobe. Ich bin morgens daran vorbeigegangen, mittags, abends. Irgendwann habe ich es doch gesagt: „Magst du heute nochmal?“ Mein Sohn hat nicht mal aufgeschaut. „Keine Lust, Mama.“

Solche Tage gab es viele. Sieben Jahre lang hat dieses Kind Geige gespielt. Wenn ich ehrlich bin, war längst nicht jede Woche schön. Es gab großartige Phasen, viele unauffällige und ziemlich zähe. Ich würde es trotzdem wieder genauso machen. Nur nicht aus dem Grund, den die meisten Eltern vermuten.

Warum Musik bei uns nie Pflichtprogramm war

Ich hatte als Kind selbst Klavier- und Gesangsunterricht. In unserer Familie war ich später diejenige, die den Musikunterricht der Kinder im Blick hatte: Termine, Lehrer, Instrumente, das ganze Drumherum. Bei sechs Kindern ist das eine eigene kleine Logistikabteilung.

Wichtig war uns von Anfang an, dass die musikalische Entwicklung Platz bekommt. Genauso wichtig war uns, dass kein Kind ein Instrument lernt, weil man das eben so macht. Musik war bei uns ein Angebot, kein Erziehungsprojekt. Ein zusätzlicher Schub für ein Kind, das ohnehin schon in eine bestimmte Richtung wollte.

Das klingt entspannter, als es war. Ein Angebot zu machen heißt nämlich nicht, dass man danach die Hände in den Schoß legt.

Erst schauen, was das Kind zum Leuchten bringt

Bei sechs Kindern lernst du schnell, dass sich nichts kopieren lässt. Was bei dem einen gepasst hat, war beim nächsten komplett falsch. Also haben wir erst mal geschaut, bevor wir irgendetwas organisiert haben.

Welches Kind trommelt beim Warten auf der Tischkante? Wer singt im Bad mit, ohne es zu merken? Wer bleibt vor einem Instrument stehen und will es anfassen? Das sind keine großen Diagnosen, das sind Alltagsbeobachtungen. Aber sie sagen mehr als jede Talentprüfung.

Bei einem unserer Söhne war es die Geige, und zwar früh. Er hat kurz vor der Einschulung angefangen. Nicht, weil wir das für sinnvoll hielten, sondern weil er es wollte.

Sieben Jahre Geige, und nicht jede Woche war schön

Aus diesem Wollen wurden sieben Jahre. Und irgendwann in diesen sieben Jahren kommt der Punkt, an dem die Begeisterung weg ist und nur noch das Üben übrig bleibt. Die eine Stelle, die einfach nicht sauber wird. Der Freund, der draußen klingelt. Der Kasten an der Garderobe.

Wir haben in diesen Phasen nicht mit Müssen argumentiert, sondern mit seiner eigenen Entscheidung: Angefangen hat er, und das Schuljahr ziehen wir gemeinsam durch. Das ist ein Unterschied, auch wenn er sich für ein genervtes Kind erstmal nicht so anfühlt.

Dranbleiben war die eine Hälfte. Die andere Hälfte war, ihn dahin zu erziehen, dass er selbst Verantwortung übernimmt. Nicht für unser Familienimage, sondern für das, was er kann.

Nicht das Instrument ist das Ziel. Das Ziel ist, dass ein Kind lernt, Verantwortung für seine eigene Gabe zu übernehmen.

Macht Musik Kinder klüger?

Diesen Satz hört man ständig auf Elternabenden und in Werbetexten von Musikschulen. Er stimmt so nicht. Zwei Forscher haben über 50 Studien mit knapp 7.000 Kindern neu ausgewertet und keinen Beleg dafür gefunden, dass Musikunterricht die Leistungen in Mathe, Lesen oder Schreiben verbessert. Ihr Rat: Musik um ihrer selbst willen fördern, nicht als Nachhilfe mit Umweg.

Mich hat das damals eher erleichtert als enttäuscht. Denn was wir bei unseren Kindern tatsächlich gesehen haben, liegt woanders:

Vier Phasen auf dem Weg zum eigenen Instrument: Entdecken, Dranbleiben, Durststrecke und Aneignen, dargestellt als Prozessgrafik im Design von Leben mit Leitung
  • Feinmotorik und Koordination. Zwei Hände, die völlig Verschiedenes tun, dazu Bogen, Haltung, Atem. Das übt sich nirgendwo sonst so.
  • Das Gehör. Wer jahrelang stimmt und nachjustiert, hört irgendwann Unterschiede, die andere überhören.
  • Ausdauer und der Umgang mit Frust. Eine Stelle klingt zwanzig Mal schief und beim einundzwanzigsten Mal nicht mehr. Diese Erfahrung nimmt ein Kind mit.
  • Zusammenspiel. Im Orchester, im Chor, später in der Band. Da geht es ums Aufeinanderhören, und das ist eine Fähigkeit, die weit über Musik hinausreicht. Wir haben darüber auch mal aus Paarsicht geschrieben, in Richtig zuhören.
  • Ein Ventil. Bei manchen Kindern wird das Instrument genau dann wichtig, wenn Reden nicht mehr geht. Bei unserem Sohn hat gerade das in der Teenagerzeit nicht getragen, da lag die Geige still. Bei anderen war es umgekehrt.

Nichts davon macht ein Kind schlauer. Alles davon macht es reicher.

Wenn zu Hause jemand spielt, verändern sich die Abende

Was mich am meisten überrascht hat: Der Gewinn lag gar nicht so sehr beim Kind, sondern bei uns allen. Sobald in einer Familie jemand ein Instrument spielt, klingt der Alltag anders.

Bei uns saßen dann irgendwann fünf Leute im Wohnzimmer, einer spielte, die anderen sangen mit, und der Kleinste klopfte irgendwas dazu, was ungefähr im Takt war. Solche Abende kannst du nicht planen. Du kannst nur dafür sorgen, dass ein Instrument im Haus ist und dass niemand ausgelacht wird, wenn er daneben singt.

Und ja, manchmal war es einfach nur laut. Wenn du dich gerade nach Stille sehnst, findest du in Innere Ruhe finden, wenn außen alles laut ist ein paar Gedanken dazu.

Die Pause in der Teenagerzeit und was mit 18 passierte

Irgendwann in der Teenagerzeit war Schluss. Nicht mit Ansage, eher schleichend. Freunde wurden wichtiger, Sport, Handy, alles Mögliche. Die Geige lag monatelang unberührt.

Das auszuhalten war schwer. Sieben Jahre Termine, Fahrten und Übe-Diskussionen, und dann steht das Instrument einfach da. Wir haben trotzdem nicht gedrängt. Wer sein Kind in dieser Phase zwingt, gewinnt vielleicht ein Jahr und verliert das Thema für immer.

Mit 18 kam er von selbst zurück. Er hat mir gesagt, ziemlich beiläufig: „Ich kann etwas, das sonst kaum jemand kann.“ Er war dankbar, dass er es gelernt hat. Heute spielt er in einer Band.

Die Pause war also keine verlorene Zeit. Sie war der Moment, in dem aus unserem Angebot seine eigene Sache wurde.

Euer Kind möchte anfangen? Das würde ich euch mitgeben

Beim Alter würde ich mich nicht verrückt machen. Fünf oder sechs Jahre funktioniert bei Geige und Klavier gut, weil die Instrumente in kleinen Größen zu haben sind. Bei Bläsern und Gitarre lohnt es sich meist zu warten, bis Hände und Zähne so weit sind. Ein Kind, das mit zehn anfängt, hat nichts verpasst.

Vereinbart eine echte Probezeit, ein halbes Jahr zum Beispiel, und redet danach ehrlich darüber. Wir haben jedes Instrument zuerst gemietet, und im Nachhinein war das jedes Mal die richtige Entscheidung. Und legt einen festen Übe-Rhythmus fest, der zum Alltag passt: lieber jeden Tag zehn Minuten nach dem Abendessen als zweimal die Woche eine gequälte Stunde. Der feste Platz im Tag entscheidet mehr als die Menge.

Wenn Widerstand kommt, und er kommt, dann trennt zwei Dinge: den schlechten Tag und die grundsätzliche Entscheidung. Ein schlechter Tag darf ausfallen. Die Entscheidung wird nicht mittwochs um halb sechs neu verhandelt. Eure Rolle als Eltern ist dabei näher am Rahmenhalten als am Antreiben, und dazu gehört auch, nicht jedes Angebot anzunehmen, das gerade attraktiv aussieht. Wie das ohne schlechtes Gewissen geht, haben wir in Nein sagen ohne schlechtes Gewissen beschrieben.

Eins noch, und das ist mir wichtig: Die Reibung ums Üben ist selten wirklich Reibung ums Üben. Oft steckt dahinter, wie es zwischen euch gerade läuft, als Eltern und als Paar. Ein ehrlicher Blick darauf lohnt sich, und es gibt einen kostenlosen Test, der genau dabei hilft.

Und wenn ihr euch fragt, ob sich der ganze Aufwand lohnt: Frag dein Kind in zehn Jahren. Meins hat mit 18 geantwortet.

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Noch Fragen?

Häufige Fragen

Was kostet Musikunterricht für ein Kind ungefähr?

Die Preise unterscheiden sich stark je nach Wohnort und Schule, fragt am besten direkt vor Ort nach. Kommunale Musikschulen sind meist deutlich günstiger als privater Unterricht, und Gruppenunterricht kostet weniger als Einzelstunden. Dazu kommt das Instrument, das ihr am Anfang besser mietet als kauft. Viele Musikschulen haben Ermäßigungen für Geschwisterkinder oder bei geringem Einkommen, danach lohnt sich das Fragen. Rechnet außerdem mit Kleinkram wie Saiten, Noten oder Kolophonium.

Soll ich mein Kind zum Üben zwingen?

Zwingen bringt selten etwas, ein verbindlicher Rahmen dagegen schon. Wir haben zwischen dem schlechten Tag und der grundsätzlichen Entscheidung getrennt: Ein Tag darf ausfallen, die Entscheidung fürs Schuljahr wird nicht jede Woche neu verhandelt. Wichtig ist ein fester Platz im Tagesablauf, sonst wird das Üben zur Dauerdiskussion.

Welches Instrument passt zu meinem Kind?

Schaut zuerst, wozu euer Kind von selbst hingeht, statt nach einer Rangliste zu suchen. Geige und Klavier lassen sich früh beginnen, weil es kleine Größen gibt. Blasinstrumente und Gitarre passen oft besser ab acht oder neun Jahren. Viele Musikschulen bieten einen Instrumentenkarussell-Kurs an, bei dem Kinder mehrere Instrumente ausprobieren, bevor ihr euch festlegt.

Mein Kind will nach zwei Jahren aufhören. Lasse ich das zu?

Vereinbart vorher eine feste Etappe, zum Beispiel bis zum Schuljahresende, und redet dann in Ruhe darüber. Wenn ein Kind wirklich raus will und nicht nur eine zähe Phase hat, ist Aufhören keine Niederlage. Bei uns kam die Geige nach Jahren Pause von allein zurück, weil sie nie zum Machtkampf geworden war.

Ist es zu spät, wenn mein Kind erst mit zwölf anfangen möchte?

Nein. Ältere Kinder verstehen Zusammenhänge schneller und können sich besser selbst organisieren. Der größere Vorteil liegt woanders: Mit zwölf ist es eine eigene Entscheidung, und die trägt erfahrungsgemäß länger als eine, die Eltern getroffen haben.

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